All-on-4 hat vielen Menschen einen festen Zahnbogen an einem Tag ermöglicht, ohne monatelange Knochenaufbauten. Das Konzept ist gut dokumentiert und in geübten Händen sehr vorhersagbar. Trotzdem ist es kein Verfahren, das für jeden Kiefer und jeden Menschen passt. Genau darum geht es hier: um die Situationen, in denen vier Implantate nicht die klügste Lösung sind, und um die Wege, die dann besser tragen.
Wenn vier Implantate zu wenig Halt finden
All-on-4 lebt davon, dass im vorderen Kieferabschnitt genug fester Knochen vorhanden ist, um vier Implantate sicher zu verankern. Die zwei hinteren werden dabei schräg gesetzt, um die Auflagefläche zu vergrößern. In der Systematik von Soto-Peñaloza und Kollegen wird als Richtwert eine Knochenbreite über 5 mm und eine Höhe von etwa 6 bis 8 mm im interforaminalen Bereich genannt, damit dieser Ansatz überhaupt greift (Soto-Peñaloza et al., 2017).
Bei stark abgebautem Oberkiefer ist diese Grundlage oft nicht mehr da. Der Knochen ist geschwunden, die Kieferhöhle reicht weit nach unten, und vier Implantate hätten schlicht zu wenig Substanz, in der sie sicher stehen. In solchen Fällen wäre ein Festhalten am All-on-4 ein Kompromiss zulasten der Langzeitstabilität.
Starkes Knirschen und hohe Kaukräfte
Ein natürlicher Zahn hängt in einem elastischen Faserapparat, der Stöße dämpft. Ein Implantat ist fest mit dem Knochen verwachsen und gibt Kräfte fast ungebremst weiter. Wer nachts stark knirscht oder presst, belastet einen festsitzenden Zahnbogen deutlich mehr als der Durchschnitt.
Eine Metaanalyse von Ionfrida und Kollegen fand bei Bruxismus-Patienten ein rund 4,7-fach erhöhtes Risiko für Implantatverluste im Vergleich zu Menschen ohne Knirschen (Ionfrida et al., 2024). Das bedeutet nicht, dass Knirschen ein Ausschlusskriterium ist. Es bedeutet, dass wir die Planung anpassen: mehr Stützpfeiler, kürzere freischwebende Anteile am Ende des Bogens und eine nächtliche Schutzschiene. Berzaghi und Kollegen weisen darauf hin, dass die Länge dieser hinteren Freiendbereiche die Belastung überproportional steigen lässt und dass eine Aufbissschiene die Kräfte gleichmäßiger verteilt (Berzaghi et al., 2025). Bei ausgeprägtem Bruxismus ist eine Versorgung mit sechs statt vier Implantaten häufig die ruhigere Wahl.
Weitere Gründe, genauer hinzusehen
Nicht immer liegt es am Knochen oder an der Kaukraft. Einige Faktoren, die wir vor einer Entscheidung abwägen:
- Vorgeschichte mit schwerer Parodontitis oder Periimplantitis. Wer bereits Implantate durch entzündlichen Knochenabbau verloren hat, braucht ein engmaschiges Konzept und oft mehr Pfeiler, nicht weniger.
- Ausgeprägte Kieferhöhlen oder ein tief liegender Nervkanal. Anatomische Enge kann die klassische Position der hinteren Implantate unmöglich machen.
- Allgemeinmedizinische Situation. Schlecht eingestellter Diabetes, bestimmte Medikamente oder starkes Rauchen beeinflussen die Einheilung und verlangen eine individuelle Bewertung.
- Erwartungen an das Ergebnis. Manche Menschen wünschen sich eine herausnehmbare Lösung, die sich leichter reinigen lässt. Das ist kein Rückschritt, sondern manchmal die passendere Antwort.
Die Alternativen, wenn All-on-4 ausscheidet
All-on-6. Zwei zusätzliche Implantate verteilen die Kaulast auf mehr Pfeiler und verkürzen die freischwebenden Enden. Für Menschen mit starkem Knirschen oder etwas mehr verfügbarem Knochen ist das oft der stabilere Weg.
Zygoma-Implantate bei stark abgebautem Oberkiefer. Reicht der Kieferknochen im Oberkiefer nicht mehr aus, lässt sich die Verankerung im Jochbein nutzen. Diese längeren Implantate umgehen die Kieferhöhle und machen einen aufwendigen Knochenaufbau in vielen Fällen überflüssig. Systematische Übersichten berichten Überlebensraten von etwa 94 bis 100 Prozent, vergleichbar mit regulären Implantaten, wobei eine Reizung der Kieferhöhle die häufigste Komplikation ist und Erfahrung des Behandlers voraussetzt (Lorusso et al., 2021). Bei uns gehören Zygoma-Implantate zusammen mit pterygoidalen, subperiostalen und transnasalen Techniken zum Repertoire für Patienten, denen andernorts oft gesagt wird, eine feste Lösung sei nicht möglich.
Knochenaufbau und dann reguläre Implantate. In manchen Situationen ist es sinnvoll, zuerst Knochen aufzubauen und anschließend regulär zu implantieren. Der Weg dauert länger, kann aber die bessere Grundlage schaffen, wenn keine Eile geboten ist.
Herausnehmbare, implantatgetragene Lösungen. Für einige Menschen ist eine auf wenigen Implantaten gehaltene, herausnehmbare Prothese die praktischere Wahl, besonders wenn die Reinigung im Vordergrund steht oder der Knochen begrenzt ist.
Wie wir bei Ortoimplant entscheiden
Am Anfang steht bei uns immer eine dreidimensionale Aufnahme des Kiefers per CBCT. Erst wenn wir Knochenangebot, Kieferhöhlen, Nervverläufe und die Bisssituation kennen, lässt sich sagen, ob vier Implantate tragen, ob sechs sinnvoller sind oder ob eine der Speziallösungen den Ausschlag gibt. Die erste Untersuchung ist bei uns kostenlos, und die Planung erfolgt digital, bevor der erste Eingriff stattfindet.
Die ehrlichste Antwort auf die Frage nach All-on-4 lautet daher oft: Es kommt darauf an. Ein gutes Konzept richtet sich nach Ihrem Kiefer, Ihrer Kaukraft und Ihren Wünschen, nicht umgekehrt. Wenn All-on-4 nicht passt, gibt es fast immer einen Weg, der besser trägt.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich Implantate bekommen, wenn ich rauche?
Rauchen ist einer der am besten dokumentierten Risikofaktoren für den Implantatverlust. Die Metaanalyse von Chen und Mitarbeitern an mehr als 35.000 Implantaten zeigte, dass Rauchen ein relatives Misserfolgsrisiko von 1,92 gegenüber Nichtrauchern trägt, wobei das Risiko im Oberkiefer ausgeprägter ist und mit der Zahl der Zigaretten steigt. Das bedeutet nicht, dass ein Raucher automatisch kein Kandidat ist, doch bei einem starken Raucher trägt ein Konzept, das auf nur vier Implantaten ruht, eine größere Last als wünschenswert.
Kann ich Zahnimplantate bekommen, wenn ich Diabetes habe?
Für Diabetes an sich fand die Metaanalyse von Chen und Mitarbeitern keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit dem Implantatverlust. Das deckt sich mit der klinischen Erfahrung, dass ein gut eingestellter Diabetes kein Hindernis ist, ein schlecht eingestellter dagegen schon. Die Entscheidung fällt nach der Untersuchung und der Einsicht in Ihren allgemeinen Gesundheitszustand.
Was, wenn ich nicht genug Knochen für All-on-4 habe?
Eine ausgeprägte Knochenatrophie ist der häufigste Grund, vom klassischen All-on-4 abzusehen, besonders im Oberkiefer, wo die Kieferhöhle die verfügbare Höhe senkt. Dann kommt das Hinzufügen weiterer Träger in Betracht (All-on-6), und bei wirklich schwerer Atrophie des Oberkiefers Zygoma-Implantate, die die Brücke im Jochbein statt im dünnen Knochen des Oberkiefers verankern. Fehlender Knochen ist nicht das Ende der Geschichte, aber er bedeutet fast nie, dass die Antwort ausgerechnet das klassische All-on-4 ist.
Kann ich feste Zähne bekommen, wenn ich mit den Zähnen knirsche?
Sie können, doch Bruxismus lenkt die Planung. Ein Patient, der kräftig knirscht und presst, überträgt auf die Brücke Kräfte, die eine Brücke mit nur vier Stützen schwerer verteilt. Bei ausgeprägtem Bruxismus sind sechs Träger oft die vernünftigere Grundlage als vier, dazu ein festeres Material für den Aufbau, eine Schiene für die Nacht und eine sorgfältigere Kontrolle des Bisses.
Wie lange vor dem Einsetzen der Implantate muss ich mit dem Rauchen aufhören?
Bei starken Rauchern verschiebt sich das Gespräch oft in Richtung Rauchstopp vor dem Eingriff, denn Rauchen erhöht das Misserfolgsrisiko der Implantate messbar. Wie lange vorher und für wie lange, wird individuell bei der Untersuchung vereinbart, je nach Zahl der Zigaretten und danach, welcher Eingriff geplant ist.
Quellen und Literatur
- Soto-Peñaloza D, Zaragozí-Alonso R, Peñarrocha-Diago M, Peñarrocha-Diago M. The all-on-four treatment concept: Systematic review. J Clin Exp Dent. 2017;9(3):e474-e488. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5347302/
- Ionfrida JA, Stiller HL, Kämmerer PW, Walter C. Dental Implant Failure Risk in Patients with Bruxism, a Systematic Review and Meta-Analysis of the Literature. Dent J (Basel). 2024;13(1):11. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11763436/
- Lorusso F, Conte R, Inchingolo F, Festa F, Scarano A. Survival Rate of Zygomatic Implants for Fixed Oral Maxillary Rehabilitations: A Systematic Review and Meta-Analysis Comparing Outcomes between Zygomatic and Regular Implants. Dent J (Basel). 2021;9(4):38. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8065623/
- Berzaghi A, et al. Occlusion and Biomechanical Risk Factors in Implant-Supported Full-Arch Fixed Dental Prostheses, Narrative Review. J Pers Med. 2025;15(2):65. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11856061/
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