Im hinteren Oberkiefer geht Knochen schneller verloren, als vielen Patienten lieb ist. Nach dem Verlust der Backenzähne dehnt sich die Kieferhöhle nach unten aus, der Kieferkamm schrumpft, und irgendwann bleibt für ein klassisches Implantat schlicht zu wenig Höhe. Der übliche Weg lautet dann: aufbauen. Sinuslift, Knochenblock, Wartezeit. Es gibt einen zweiten Weg, der diesen Umweg vermeidet und den festen Knochen nutzt, der weiter hinten ohnehin vorhanden ist. Genau dort setzt das Pterygoid-Implantat an.
Was ein Pterygoid-Implantat ist
Ein Pterygoid-Implantat wird schräg von der Region des Oberkiefer-Höckers (Tuber maxillae) nach hinten oben eingebracht und verankert sich im Flügelfortsatz des Keilbeins, der sogenannten Pterygoid-Region. Dieser Bereich besteht aus dichtem, kortikalem Knochen. Er liegt hinter der Kieferhöhle, nicht darunter, und bleibt deshalb auch dann erhalten, wenn der eigentliche Kieferkamm längst abgebaut ist. Das Implantat ist in der Regel länger als ein Standardimplantat und deutlich anguliert, oft in einem Winkel um 45 bis 60 Grad zur Kaufläche. Am Ende trägt es, gemeinsam mit weiter vorne gesetzten Implantaten, eine festsitzende Brücke.
Warum sich der Kieferhöhlenboden umgehen lässt
Beim Sinuslift wird die Schleimhaut der Kieferhöhle angehoben und der entstehende Raum mit Knochenersatzmaterial gefüllt. Das funktioniert gut, kostet aber Zeit: Bis das Aufbaumaterial belastbar ist, vergehen oft mehrere Monate. Dazu kommen ein zweiter Eingriff, mögliche Schwellung und in seltenen Fällen eine Perforation der Schleimhaut. Das Pterygoid-Implantat umgeht die Kieferhöhle vollständig. Es sucht seinen Halt nicht im aufgebauten, sondern im natürlich vorhandenen Knochen dahinter. Für den Patienten heißt das im günstigen Fall eine Operation statt zwei und einen kürzeren Weg zum festen Zahn.
Was die Studienlage zeigt
Die Technik ist nicht neu, und inzwischen liegen belastbare Übersichtsarbeiten vor. Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse von Araújo und Kollegen (2019) wertete Daten von 634 Patienten mit 1.893 Pterygoid-Implantaten aus und fand eine mittlere Überlebensrate von 94,87 Prozent. Eine aktuellere Übersicht von Bidra und Kollegen (2023), die sich gezielt auf moderne, raue Implantatoberflächen konzentrierte, kam bei 911 Implantaten auf eine Überlebensrate von 95,5 Prozent über sechs Jahre. Bemerkenswert an dieser Arbeit: Die meisten Misserfolge traten im ersten Jahr auf, und der Großteil davon noch vor der Belastung des Implantats. Nach dem Einheilen und der prothetischen Versorgung waren späte Verluste selten.
Die bislang umfangreichste Auswertung stammt von Raouf und Chrcanovic (2024). Sie fasst 38 Studien mit über 3.000 Pterygoid-Implantaten zusammen und beziffert die kumulative Überlebensrate nach zehn Jahren auf 92,5 Prozent. Die Autoren ordnen die Pterygoid-Region ausdrücklich als Möglichkeit ein, den Oberkiefer ohne Sinusaugmentation oder zusätzliche Knochentransplantation zu versorgen. Ein praktischer Hinweis aus derselben Arbeit: Verblockte Versorgungen, bei denen das Pterygoid-Implantat Teil einer Brücke ist, schnitten besser ab als einzeln stehende Kronen.
Vorteile gegenüber den Aufbauverfahren
- Kein Knochenersatzmaterial und keine Entnahmestelle, damit entfällt ein Eingriff.
- Der dichte Knochen der Pterygoid-Region erlaubt oft eine hohe Primärstabilität, die Voraussetzung für eine frühe oder sofortige Belastung.
- Die Gesamtbehandlung wird kürzer, weil keine mehrmonatige Einheilphase eines Aufbaus abgewartet werden muss.
- Das Implantat stützt das hintere Ende der Brücke ab und vermeidet einen freien, unbelasteten Überhang (Freiendbrücke), der auf Dauer ungünstig ist.
Grenzen und worauf es bei der Planung ankommt
So sinnvoll der Ansatz ist, anspruchsvoll bleibt er. Die Pterygoid-Region liegt tief und schwer einsehbar, in der Nähe wichtiger Gefäße und Nervenstrukturen. Winkel und Eindringtiefe müssen präzise stimmen. Die Übersichtsarbeiten weisen genau darauf hin: Die guten Ergebnisse hängen an der Erfahrung des Operateurs und an sorgfältiger Planung. Eine Meta-Analyse von D’Amario und Kollegen (2024) berichtete zwar über eine Überlebensrate von 97,43 Prozent, mahnte aber zugleich zur vorsichtigen Deutung und empfahl ausdrücklich moderne, geführte oder navigierte Verfahren. Vor jedem solchen Eingriff gehört deshalb eine dreidimensionale Bildgebung (DVT/CBCT), mit der sich Knochenverlauf und Nachbarstrukturen genau darstellen lassen. Nicht jeder Fall eignet sich, und die Entscheidung fällt individuell.
Pterygoid-Implantate bei Ortoimplant
Ob ein Pterygoid-Implantat für Sie infrage kommt, lässt sich erst nach Untersuchung und Bildgebung seriös beurteilen. Der erste Beratungstermin bei uns ist kostenlos.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich den Sinuslift vermeiden?
Beim klassischen Vorgehen ist das Ziel, Volumen hinzuzufügen: Die Kieferhöhlenmembran wird angehoben, darunter ein Knochenersatzmaterial eingebracht, und nach einigen Monaten Heilung folgt das Einsetzen. Beim Pterygoid-Implantat wird nichts hinzugefügt, denn die Verankerung wird im vorhandenen dichten Knochen des Pterygoidfortsatzes gesucht, sodass ein gesonderter Aufbaueingriff und das lange Warten darauf in der Regel entfallen. Das Implantat umgeht die Kieferhöhle, statt durch sie hindurchzugehen. Ob das in Ihrem Fall machbar ist, entscheidet sich anhand der Aufnahme.
Wie erfolgreich sind Pterygoid-Implantate?
Die systematische Übersicht mit Metaanalyse von Araujo und Mitarbeitern aus dem Jahr 2019 umfasste fast 1900 Pterygoid-Implantate und berichtete über eine Erfolgsrate von 94,87 Prozent. Eine neuere Übersicht aus dem Jahr 2024 an einer Stichprobe von 768 Implantaten verzeichnet ein Überleben von etwa 97 Prozent bei einer Nachbeobachtung von einem bis sechs Jahren, während eine umfangreiche Übersicht aus dem Jahr 2024 an mehr als 3000 Implantaten eine kumulative Zehnjahresüberlebensrate von 92,5 Prozent ergibt. Diese Zahl bedeutet nicht, dass der Eingriff einfach ist: Es handelt sich um eine technisch anspruchsvolle Chirurgie, die Erfahrung und eine gute Vorbereitung verlangt.
Warum ist im hinteren Bereich des Oberkiefers nicht genug Knochen vorhanden?
Nach dem Verlust der Backenzähne zieht sich der Kieferkamm des Oberkiefers zurück, und der Kieferhöhlenraum darüber dehnt sich nach unten aus. Mit der Zeit bleibt zwischen Mundhöhle und Kieferhöhle nur eine dünne Knochenplatte, manchmal nur zwei bis drei Millimeter, was für ein klassisches Implantat zu wenig ist. Genau deshalb ist bei vielen Patienten von Knochenaufbau oder Sinuslift die Rede, bevor eine feste Arbeit überhaupt geplant werden kann.
Wann ist ein Pterygoid-Implantat keine gute Wahl?
Das ist keine Technik für jeden Patienten und sie wird nicht leichtfertig gewählt. Der dichte Knochen der Pterygoidregion und die Nähe wichtiger anatomischer Strukturen bedeuten, dass eine präzise 3D Planung und die Erfahrung des Operateurs notwendig sind und keine Zugabe. Die Knochenqualität an der Stelle selbst beeinflusst das Ergebnis, weshalb die Entscheidung immer anhand der Aufnahme fällt und nicht pauschal.
Tut das Einsetzen eines Pterygoid-Implantats weh?
Patienten, denen ein längerer oder empfindlicherer Eingriff Unbehagen bereitet, bieten wir die Analgosedierung an, eine milde Sedierung, mit der der Ablauf ruhiger und besser erträglich ist. Die Erholung unterstützen wir mit den Möglichkeiten des DENTAL SPA Bereichs der Klinik, von der hyperbaren Sauerstofftherapie bis zur Lymphdrainage.
Quellen und Literatur
- Araújo RZ, Santiago Júnior JF, Cardoso CL, Benites Condezo AF, Moreira Júnior R, Curi MM. Clinical outcomes of pterygoid implants: Systematic review and meta-analysis. J Craniomaxillofac Surg. 2019;47(4):651-660. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30799134/
- Bidra AS, Peña-Cardelles JF, Iverson M. Implants in the pterygoid region: An updated systematic review of modern roughened surface implants. J Prosthodont. 2023;32(4):285-291. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36069239/
- Raouf K, Chrcanovic BR. Clinical Outcomes of Pterygoid and Maxillary Tuberosity Implants: A Systematic Review. J Clin Med. 2024;13(15):4544. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11312960/
- D’Amario M, Orsijena A, Franco R, Chiacchia M, Jahjah A, Capogreco M. Clinical achievements of implantology in the pterygoid region: A systematic review and meta-analysis of the literature. J Stomatol Oral Maxillofac Surg. 2024;125(12 Suppl 2):101951. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38906380/
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